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Michael Zajonz, Der Tagesspiegel, 15.10.2006
Nostalgie und Alltag


Als sich nach dem Fall der Mauer plötzlich jeder für die untergehende DDR interessierte, konnte man als Ästhet nostalgisch werden. Da gab es – wenn auch dramatisch verfallene – Städte und Dörfer, die in wundersamer Weise die Vorkriegszeit heraufbeschworen. Straßen, die noch nicht mit bunter Werbung zugekleistert waren. Landschaften, die noch niemand verbaut hatte.

Also nichts wie hin und alles fotografieren, was das Reservat zu bieten hat. Auch den im damaligen West-Berlin lebenden, seit 1993 an der Kunsthochschule Weißensee lehrenden Fotografen Stefan Koppelkamm trieb es Anfang der neunziger Jahre zwischen Görlitz und Neustrelitz auf Fotosafari. Seine mit der Großbildkamera aufgenommenen Schwarzweißfotos tappen jedoch in keine Nostalgiefalle. 

Unsentimental ging Koppelkamm auf Motivsuche, mit dem Kalkül des Komponisten fand er seine Standpunkte. Zehn Jahre später suchte er sie erneut auf, um zu sehen, was sich verändert hat. 50 Bildpaare, vom Direktor des Berliner Museums für Fotografie Ludger Derenthal klug kommentiert, reichen aus, um den sozialen Wandel der Ex-DDR und Ost-Berlins im Spiegel der Stadtbildfotografie zu zeigen. Ein dokumentarisch anspruchsvoller, verhalten skeptischer Bildessay zur deutschen Wiedervereinigung.