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Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung, 12. 1. 2006
Die schaurige Wahrheit des »Vorher-Nachher« –
ein Blick auf die Realitäten in Deutschland


»Ortszeit« – ein radikales Buch in stattlichem Format, eine visuelle Demonstration, die ohne Worte auskommt, sich nur auf Orts- und Zeitangaben stützt, doch damit Bände spricht: Direkt hinter der Titelseite beginnt das Stakkato der ganz- oder doppelseitigen Schwarzweißfotografien, die das zwiespältige »Vorher-Nachher« – die teilweise absurden Wandlungen beim »Umbau Ost« – mit stupenden Bildbeispielen vorführen.

Der Berliner Kommunikations-Designer und Fotograf Stefan Koppelkamm hat 1990 kurz nach der Wende in den Städten der ehemaligen DDR Häuser und Straßenecken fotografiert, von denen er annehmen musste, dass sie nach dem Einmarsch der Investoren ihr Gesicht auf besonders spektakuläre Weise verlieren würden. Zwölf Jahre später hat er dieselben Orte aus dem gleichen Blickwinkel wieder aufgenommen und so am Wandel der Fassaden den sozialen Umbruch handgreiflich deutlich gemacht. Im eindrucksvollen Bildband der Edition Axel Menges sind diese Fotos nun so übereinandergelegt, dass das Vergleichen zum entlarvenden Spiel wird. In den meisten Fällen folgt auf eine schmutzig verwitterte, wüst zernagte Fassade aus DDR-Tagen das perfekt ausgebügelte, penetrant geschminkte Gegenbild der Jetztzeit, das aber keineswegs immer Liebhaber findet.
Zeigt eine alte Straßenzeile aber Lücken wie in der Sebnitzer Straße in Dresden, dann kann es passieren, dass da plötzlich ein Hausgebilde von unüberbietbarer Primitivität und Scheußlichkeit in die Lücke tritt (oben, linkes Paar). Doch nicht überall hat das Investorengeld hingereicht: An Wohnhäusern wie in der Bäckerstraße in Görlitz, an denen das Geld vorbeigeflossen ist (rechtes Paar), kann man dem Zahn der Zeit bei seiner gemächlichen, aber gründlichen Arbeit zusehen. Das Stadtbild wird hier zum Suchbild . . . Eine buchpreisverdächtige Publikation.