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Peter Richter, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
27. 11. 2005 Die Zeit heilt alle Wunder – Läuft die Chronologie verkehrt herum?
Stefan Koppelkamms Osten


Überhaupt sollten Fotografen nicht ständig Neues fotografieren wollen, sondern lieber immer wieder mal das, was sie bereits fotografiert haben: Denn das Wirken der Zeit ist das Kerngesch äft der Fotografie, die Wiedergängerei eine ihrer beliebtesten Übungen und Ostdeutschland schon deshalb der dankbarste Boden dafür, weil hier ja die Zeit zuletzt nicht einfach nur vergangen, sondern regelrecht verschwunden ist, wie man an den Fassaden studieren kann, die Stefan Koppelkamm zuerst direkt nach der Wende fotografiert hat und jetzt noch einmal.

Überall sonst auf der Welt würde man die Bilder umgekehrt anordnen, nur hier sind die Häuser erst uralt und dann brandneu. Zur Feier von anderthalb Jahrzehnten Aufbau Ost taugt das Buch allerdings genauso wenig wie vor einem Jahr Moritz Bauers und Jo Wickerts »4000 Tage BRD«. Es zeigt nur noch viel nüchterner und präziser, daß die nachholende Modernisierung, von der im Osten soviel die Rede war, bisher vor allem ein bautechnischer Begriff und eine ern üchternd prosaische Angelegenheit ist.
Aus Schinkelschen Kirchentrümmern wachsen nicht mehr Bäume, sondern Gerüste, auf zernarbten Stümpfen sind frische Gründerzeithäuser errichtet worden - aber häufig hat man den merkwürdigen Eindruck, daß der Zugewinn an Fassadenfarbe einen Verlust an Würde bedeutet: Gebäude, die den Sozialismus nur mit knapper Not überlebt haben, wirken ein paar Fördermittelmillionen später nicht unbedingt lebendiger, sondern endgültig einbalsamiert, und Maklerplakate statt Ziegelsteinen in den Fenstern erzählen vor allem von der Qualifikation des Leerstandes.

Das Leiden am Verfall, der von Koppelkamm zunächst so fasziniert in den ruinenromantischen Blick des Westdeutschen genommen worden ist, war einmal ein Kondensationskern jener B ürgerbewegungen, die erst dazu geführt haben, daß man die Sanierung der ostdeutschen Altstädte heute im allgemeinen als Gradmesser des Vereinigungsprozesses begreift - und dabei ein seltsames Unbehagen empfindet. Mehr als dieses Fotobuch kann eigentlich auch der gro ße Wenderoman nicht sagen, auf den immer alle warten.