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Ralf Hanselle, Freitag 44 vom 4. 11. 2005
Goodbye Tristesse!


Wer morgens in der Früh in New York anruft, sollte sich nicht wundern, wenn entweder keiner abnimmt oder er nur bärbeißig zurechtgewiesen wird. Der Grund hierfür könnte sich hinter einem einfachen Begriff verbergen: Ortszeit! Global sitzen wir zwar im gleichen Ereignisfeld, zeitlich aber bewohnen wir unterschiedliche Sphären. Ortszeit - Local Time hat auch der Berliner Fotograf und Grafiker Stefan Koppelkamm sein neuestes Fotobuch genannt. Es versammelt Stadt- und Architekturfotografien aus Ostdeutschland, die sich mit Werden und Vergehen auseinandersetzen.

Koppelkamm ist ein Wiederholungstäter. Im Abstand von jeweils gut zehn Jahren hat er ein und denselben Ort aufgesucht und fotografiert - stets aus der gleichen Perspektive, mit der gleichen Kameraeinstellung, dem gleichen Bildmaterial. Die Orte also sind identisch. Nur die Zeit hat neue Spuren im Raum hinterlassen. Auf diese Weise ist eine ostdeutsche Vergleichsstudie entstanden. Das Neue Museum in Weimar 1991 und 2003, die Rüdersdorfer Kalkbrennöfen kurz nach der Wende und im März 2004, die Hackeschen Höfe in Berlin im Abstand von zwölf Jahren. Zumeist aber sind es unbekannte Straßenzüge, die vom harten Schwarzweiß auf Koppelkamms Bildern eingefangen wurden: Ein Antiquitätenladen in Halle, eine Bäckerei in Görlitz und immer wieder alte Wohnhäuser, eingelassen in anonyme Straßenverläufe.

An jedem Tag tut die Zeit, was sie immer tut: Sie verstreicht. Fast würde man es nicht merken, gäbe es nicht überall die alten Tanten, die Kindern versichern, dass sie groß geworden seien, und gäbe es nicht die alten Fotoalben, die vom Wandel der irdischen Körper erzählten. Wer Stefan Koppelkamms Fotografien betrachtet, der fragt sich unweigerlich, was zwischen den beiden Aufnahmen alles passiert ist. Wann erhielt die Kreuzung zwischen August- und Tucholskystraße in Berlin ihren neuen Verlauf? Wann zerbrachen die Scheiben in dem Haus an der Görlitzer Bäckerstraße und wann zogen die letzten Bewohner aus?

Viel ist in den fünf östlichen Bundesländern seit dem Fall der Mauer geschehen. Das meiste davon unmerklich. Irgendwann war in Berlin der Blick über das Reichstagsufer von den neuen Regierungsbauten zugestellt, irgendwann war der letzte Trabi aus der Bautzener Heringstraße verschwunden. Wann genau das war, das werden vermutlich die wenigsten noch erinnern. Auf den ersten Blick ähnelt Ortszeit daher alten Familienbildern: Zwischen Foto eins und Foto zwei wurde das Haar des Vaters lichter, das Gesicht der Mutter faltiger, die Kleidung weiter oder bunter.

Doch es gibt Unterschiede: Während private Fotos zumeist Studien eines kleinen Verfalls sind, zeigt Koppelkamm in der Regel eine Welt, in der sich alles zum Schöneren wendet. Nur selten finden sich Vergleichspaare, auf der die Zeit etwas Schlechtes mit den Dingen getrieben hätte. Manchmal wurden Häuser nicht saniert, wurden alte Fenster zugemauert, ein Wohnblock in den Dornröschenschlaf geschickt. Zumeist aber wurden die Immobilien aufwendig saniert und sind nach Jahren kaum wiederzuerkennen.
In der Geschichte der Kunst hat die zeitliche Parallelstellung von Orten eine lange Tradition: Angefangen bei der Freskomalerei bis hin zu den Protagonisten der sogenannten "Re-Photographic-Survey", die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jene Orte fotografisch neu inspizierten, die Dekaden zuvor bereits von Ikonen wie Edward Weston oder Ansel Adams fotografiert wurden. Bildvergleiche sind beliebt. Sie halfen dabei, sich des Phänomens Zeit zu vergewissern. Denn sowenig wie man zweimal in den selben Fluss springen kann, sowenig kann man ihn zweimal ablichten.

Nach der Wiedervereinigung hat man im Osten auf diese Methode immer wieder gern zurückgegriffen. Ob Evelyn Richter, die nach über 30 Jahren noch einmal einen Panoramablick auf Magdeburg fotografiert hat, den sie bereits im Jahr 1968 erhaschen konnte oder ob Rudolf Schäfer, der kleine Stadtsequenzen Berlins im Abstand von gut 20 Jahren fotografiert hat. Es ist wie mit der archaischen Angst vor Wiedergängern und Untoten: Als wolle man sichergehen, dass die Vergangenheit wirklich vergangen ist, haben Fotografen immer wieder verschiedene Schichten der ostdeutschen Geschichte nebeneinander gelegt.

Kaum jemand jedoch hat dies mit dieser fast wissenschaftlichen Akribie betrieben wie Stefan Koppelkamm, Dozent an der Berliner Kunsthochschule Weißensee. Wie Bohrkerne legen seine Bilder den Verlauf der Zeit frei; machen das Ticken der Uhr sichtbar. Koppelkamm, der Ende der achtziger Jahre bereits mit einer damals viel beachteten Serie über Gewächshäuser aus dem 19. Jahrhundert von sich reden machte, hat mit Ortszeit der Erinnerungskultur in Ostdeutschland ein bemerkenswertes Projekt hinzugefügt. Eines, das nahezu frei ist von Subjektivität und neunmalklugen Kommentaren. Doch trotz aller Empirie: Etwas bleibt immer verborgen. Die Häuser mögen sich gleichen, ihre Formen und Strukturen mögen sich über die Jahre verjüngt haben. Das subjektive Zeitempfinden aber verläuft anders. Die Ortszeit, das ist nicht nur die mit Uhren oder Kameraobjektiven streng messbare Phase, in der sich die Geschichte zweifelsohne zum Guten gekehrt hat. Ortszeit verläuft nicht selten in der Erinnerung von Menschen. Dort zählt keine Fassade, kein architektonisches Rouge und erst recht keine Geschichtsphilosophie. Denn gerade das ist die Crux. Oft versteht man das Gerede der Menschen nicht, da für viele die gute alte Zeit bereits immer schon gestern gewesen ist.