Austellungen des Goethe-Instituts Goethe-Institut Exhibitions
Von Abu Dhabi bis Zagreb... From Abu Dhabi to Zagreb...
Annett Gröschner, Hinter den Fassaden

Annett Gröschner,
Hinter den Fassaden
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung Ortszeit Local Time
im Museum für Kommunikation Berlin am 7.10.2010


Im späten Frühjahr dieses Jahres war ich in Jekaterienburg, weit hinten im Ural. In der Maxim-Gorki-Universität schwebten die jungen Studentinnen auf so hohen Absätzen über die blankpolierten Gänge, dass mir beim Hinsehen schon schwindelig wurde. Ich sah sie jeden Moment ausrutschen und stürzen. Wider Erwarten liefen sie sicher, ich konnte meine Aufmerksamkeit anderem widmen. Im Hintergrund und quasi als Bühnenbild für die grazilen Schönen war da etwas, das mir vertraut war. An den Wänden hing eine Plakatausstellung des Goetheinstitutes, mit Motiven von Stefan Koppelkamps Arbeit Ortszeit. Häuser in mitteleuropäischer Architektur in verschiedenen Aggregatzuständen. Die Häuser kannte ich. In einigen hatte ich mich schon aufgehalten. Andere konnte ich anhand ihrer Fassade förmlich riechen. Ein Geruch aus abgestandenem Wasser, Kohlsuppe und Kohle – mein Proustsches Madeleine. Vorher/Nachher ist als Thema nicht neu in der Stadtfotografie. Würde hier nur die verfallene Vergangenheit der schönen neue Rekowelt entgegengesetzt sein, die Ausstellung hätte mich nicht interessiert. Ich habe in der Vergangenheit einmal zu oft gehört, dass der Westen dem Osten den Wohlstand gebracht hat, den er selbst zu schaffen nicht in der Lage gewesen ist. Das mag oberflächlich nicht ganz unrichtig sein, aber es klang immer der Vorwurf eines falsch gelebten Lebens mit.
Aber, so zeigen uns diese Bilder: Es gibt immer Gewinne und Verluste. Und eine Fassade ist eine Fassade, die verbirgt, was dahinter ist. Das kann immer auch das Gegenteil sein, oder wie ein Freund, Gasableser von Beruf und in den Kellern der Berliner Häuser zu Hause, sagte: Außen hui, unten pfui. Man möchte auch immer die Autos wegschieben oder, moderner, mit Hilfe von Photoshop digital wegradieren, die dem Bild vom Haus im Wege sind.
Mein ganzes Berliner Leben besteht aus diesen Vorher/Nachher-Bildern. Die Begründung ist einfach. Ich wohne seit 27 Jahren im Prenzlauer Berg. Ich könnte auch sagen: in der Spandauer Vorstadt von Berlin oder in Dresden-Neustadt, beides Motive in Stefan Koppelkamms Arbeit und Viertel, in denen die Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren gründlich waren.
Meine erste Berliner Wohnung bestand aus einem lichtarmen Berliner Zimmer und einer Küche. Eine halbe Treppe tiefer gab es eine Außentoilette, deren Fußboden durchgefault war. Die Tür war gegen die Wand gelehnt. Auch der Kachelofen funktionierte nicht, was erst im Spätherbst zum Problem wurde. Aber es gab Strom und fließend Wasser, und in der Not wuchs das Rettende auch.
Ich wohnte illegal, aber geduldet. Jeden Monat überwies ich dreißig Mark Miete auf ein Konto der Kommunalen Wohnungsverwaltung. So kam ich nach Berlin und blieb. Ich habe mich in den Jahren seit meiner Ankunft nicht viel mehr als zwei Kilometer um diesen Ausgangsort herum bewegt, und doch hat sich alles gründlich verändert.
Wenn man als junger Mensch Anfang der achtziger Jahre nicht in der Provinz versauern wollte, gab es drei legale Optionen: Dresden, Leipzig und Ostberlin. Letzteres lag von mir aus gesehen am nächsten, auch von der Mentalität her. Zwar existierten auch in Dresden und Leipzig Abrissgegenden, in denen Aussteiger, Studenten, alte Leute und Trinker lebten und in denen es sich gut aushalten ließ, aber das Sächsische lag mir nicht. Da war noch ein Rest Preußen in mir, der wollte die Hauptstadt von Preußen. Auch wenn die längst von der Steppe aufgesogen war, wie Gottfried Benn nach dem Krieg gedichtet hatte.
Fast alles, was es in Prenzlauer Berg einmal gegeben hatte, war verlassen. Selbst auf den Friedhöfen fanden keine Beerdigungen mehr statt. Ich kam in eine Gesellschaft im Stillstand, sogar Niedergang wäre schon zu viel Bewegung gewesen, die Dichterin Elke Erb nannte es kompakt umschließende Stagnation. Die Jalousien in den Erdgeschosszonen waren heruntergelassen, nur in den Eckhäusern gab es noch die eine oder andere Kneipe, die wie ein verlängertes Wohnzimmer betrieben wurde. Ohne die wäre der Sozialismus noch weniger zu ertragen gewesen. Trotzdem fühlte ich mich hier sofort zu Hause, wie ich mich sechs Jahre später auch in Kreuzberg gleich heimisch gefühlt habe. So groß waren die Unterschiede zwischen Ost- und Westberlin nicht, anders als die zwischen Dresden und Düsseldorf, Leipzig und Hamburg.
Es gibt ein Foto von Helga Paris aus den siebziger Jahren: eine Straße in Prenzlauer Berg, alte Leute über breite Wege aus Granitsteinen schlurfend, am Straßenrand vereinzelte Autos, die Fassaden der Gründerzeithäuser grau, grau der Himmel, die Mäntel der Leute, die Straßenschilder. Obwohl das Licht von Süden kommt, hängt ein Nebel über der Straße, der mich noch im Nachhinein frösteln lässt. So scheint es mir in der Erinnerung immer gewesen zu sein zwischen Oktober und April. Im Januar froren die Toiletten ein, und wenn man versuchte, die Wäsche draußen zu trocknen, legte sich der Ruß der Kohleöfen in feinen Partikeln auf das Gewebe. Etwas Lebendiges, Unverwechselbares aber gibt es auf dem Foto: eine Taube mit weitausgebreiteten Flügeln, grau wie alles andere, aber im Anflug.
Die auf den ersten Blick verkommenen, kaputten Häuser in kaputten Gegenden bewahrten Schätze immaterieller Art. Man lief in die Häuser hinein wie in ein Geschichtsbuch. Ich habe das nie wieder so deutlich erlebt, wie in meiner Anfangszeit in Berlin. Überall gab es Spuren, der Gründerzeit, des Krieges, Spuren des Versuchs, in einer proletarischen Gegend kleinbürgerlich zu leben.
In den Vierteln jenseits der Magistralen war der Krieg immer noch anwesend. Die Fassaden waren übersät von Einschüssen und bezeichneten den Verlauf der Front im April 1945, als um jedes Haus gekämpft wurde. Unter jeder Grasnarbe, unter jeder versiegelten Fläche konnte das Grauen verborgen sein, denn die Keller waren bei der Enttrümmerung nur zugeschüttet worden. Immer, wenn man in Prenzlauer Berg um die Ecke ging, fehlte sie, schrieb der Filmemacher Jörg Foth.
Die meisten Balkons waren wegen Baufälligkeit gesperrt, aber man benutzte sie trotzdem. Um Hanf anzubauen, wenn die Lichtverhältnisse es zuließen. Oder für Mutproben. Auf manchen Dächern, ein Lieblingsort im Sommer, gab es Löcher, breit wie die Schultern von Kohlenträgern, und den Leitern zu den Dachluken fehlte mindestens die Hälfte der Sprossen.
Wir waren viel unterwegs. In den Altstadtgebieten von Weimar. Von Altenburg. Halberstadt. In der Dresdner Neustadt. In Rostock im Hafenviertel, Magdeburg-Buckau, Leipzig-Ost. Stiegen in die maroden Häuser ein, suchten nach Spuren, fotografierten den Verfall, ein Akt des Widerstands. Es war eine Mischung aus Abenteuer und Nachhilfe in Kultursoziologie. Wir studierten die Lebensgewohnheiten unserer Vorfahren anhand ihrer Hinterlassenschaften. Tagelang saß ich in der Stadtbibliothek und wälzte die alten Adressbücher, um zu erfahren, wer hier vor mir gewohnt hatte. Was z.B. Adolph Schneider für ein Geschäft betrieb, dass er sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Glasschild mit Messingbuchstaben über dem Schaufenster leisten konnte. Und wann schloss Nedan’s Gelegenheitskäufe? Heute sind die Adressbücher im Netz und man muss nicht mehr aus der teuer sanierten Wohnung gehen. So habe ich erfahren, dass dieses seltsame Gebäude mit der neoklassizistischen Eingangssituation in der Berliner Luisenstraße auf einem der Bilder Stefan Koppelkamms die Luisengarage war, 1888 gebaut für die Berliner Tattersall- Gesellschaft, deren Zweck die Errichtung und der Betrieb von Reitbahnen, der Pferdehandel sowie die Aufnahme fremder Pferde und Wagen war. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es mehrere Tattersalls, besonders in der Nähe des Tiergartens, für den Morgenausritt begüterter Berliner. Der Backsteinbau für Kutschen und Pferde wurde, als Pferde aus der Mode gekommen waren, ab den 1920er Jahren von der Berliner Automobilgesellschaft als Kraftwagenhalle genutzt, die Luisengarage eben, deren erhaltene Teile 1997 für den Bau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses des Bundestages abgerissen wurden. Der 100 Meter entfernt von der heutigen Brache steht.
Wenn man die Bauakten der alten Häuser liest, fragt man sich, wie die Häuser dieses flächendeckende Experiment von Bombardierung und Vernachlässigung überhaupt überstehen konnten. Manche Sachverständige gaben dem Pfusch am Bau eine Lebensdauer von 30 Jahren. Das war um 1900, als die Häuser schnell zusammengezimmert wurden, wie 80 Jahre später die Plattenbauten. Heute versprechen die Gründerzeitbauten auf dem internationalen Immobilienmarkt jede Menge Rendite. Die meisten der Leute, die Mitte der achtziger Jahre Straßen in Berlin oder Dresden in ersten Bürgerbewegungen vor dem Abriss gerettet haben, wohnen nicht mehr dort. Sie fühlten sich irgendwann fremd im eigenen Viertel oder konnten sich die Mieten nicht mehr leisten. Der Fleischer ist weg, die Heißmangel, die Kneipen, die Schuster.
Die alte Sehnsucht der DDR-Oberen, in den Altbauvierteln gründlich aufzuräumen, hat am Ende erst der Westen erfüllt. Es ist jetzt aufgeräumt. Diese Veränderungen wären vielleicht auch nicht der Rede wert, sondern normal für die Entwicklung von Großstädten, wenn es in dieser schönen neuen Welt nicht eine eigenartige Geschichtsvergessenheit gäbe. Die Gebäude sind so gründlich entkernt, dass keine Geschichte mehr übrig blieb und die neuen Bewohner scheinen sich nur für sich selbst zu interessieren, nicht für das, was war oder sein wird. Es hat nicht so bleiben können, das ist klar. Und jede Konservierung wirkte irgendwie albern. Aber musste es so kommen? Mögen wir an anderen europäischen Städten nicht gerade die Geschichtsschlieren an und in den Häusern?
Man muss, bei aller Freude über den Komfort (und welcher Stadtmensch wohnt nicht gern in einer warmen, trockenen Wohnung mit Bad mitten in der Stadt) konstatieren: Die Bevölkerung in den sanierten Gründerzeitvierteln hat sich nicht vermischt, die alten Bewohner wurden weggeschwemmt, einschließlich jener Pioniere aus aller Welt, abenteuerlustig, jung und insolvent, die Anfang der neunziger Jahre mit den Hausbesetzungen die Viertel aus ihrer Provinzialität geholt hatten. Viele von ihnen waren vor denen geflohen, die sie ein Jahrzehnt später einholten und die es sich nun in den vorm Abriss geretteten und topsanierten Altbauwohnungen gemütlich machen.
Man sieht dieses Vorher/Nachher am deutlichsten auf den beiden Bildern der Kleinen Hamburger Straße 5 in der Spandauer Vorstadt. 1990, als Stefan Koppelkamm es zum ersten Mal fotografierte, war das Haus besetzt und die Fenster mit allerlei Installationen gegen Steinwürfe von Hooligans und Skinheads gesichert, die damals nach Fußballspielen gerne durch die Straßen mit besetzten Häusern marodierten. Hier entsteht eine Freie Internationale Wohn- und Werkstatt für multimediale Künste in Zusammenarbeit von Kainwider-Verein Ju–Sako-Compagnie RaMM.-Theater, hatte jemand auf eine Papptafel an der Fassade geschrieben. Zwölf Jahre später ist das Haus renoviert. (Zum Glück, so muss man in Klammern sagen, zeigen die Schwarz-Weiss-Fotos nicht die mitunter scheußlich-pastelligen Fassaden in rosa, hellblau, hellgrün.) Die Spuren der Besetzer sind vollständig getilgt. La Danse steht über dem Ladeneingang und wo 1990 eine Alte Ente abgestellt war, parken 2003 BMWs und Porsches.
Es ist eine andere Freiheit, als die, die wir meinten. Kein Platz mehr für Ratten und für Gespenster, aber auch nicht für das Paar, das im Streit die gesamte Wohnungseinrichtung aus dem Fenster warf. Das war großes Theater. Heute ist eher gepflegte Boulevardkomödie angesagt. Ehering gefunden. Wir lassen uns scheiden, die Rechtsanwälte sind eingeschaltet. Und doch gibt es stumme Zeugen, die bis heute dabei sind. Stadtmöbel, z.B. die RSL 1, Abkürzung für Rostocker Straßenleuchte der ersten Generation, 2x70 W für Betonmast; Einsatz vorwiegend in Wohngebieten. „Bei den Aufsatzleuchten kann sich die in Pößneck hergestellte RSL bis in die heutige Zeit behaupten, heißt es auf der Website www.ddr- strassenleuchten.de.“ Viele wurden Anfang der sechziger Jahre von den Anwohnern im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks selbst aufgestellt. Jetzt verschwinden sie, weil das Argument, dass sie zuviel Strom fressen, nicht von der Hand zu weisen ist. Denn einige der Bilder Stefan Koppelkamms von Beginn des neuen Jahrtausends sind auch schon wieder historisch. Die Übergangszeit Anfang der neunziger Jahre, als der Fotograf zum ersten Mal mit seiner Kamera losging, brachte auch Inschriften zum Vorschein, die nur provisorisch verdeckt waren. Bei Koppelkamm liest man es auf einem Hof der Erfurter Innenstadt: Deutschland ist unser. In Prenzlauer Berg erinnere ich mich an Deutschland wählt Hitler und Goebbels Heimstatt. Die neue Tünche ist haltbarer. Das, was heute Gentrifizierung heißt, ist die eine Geschichte, die in einem Teil der Bilder steckt. Die andere ist die der kleinen Städte Ostdeutschlands, in die keiner aus dem Westen freiwillig zieht. Im Gegenteil. Es ist die Abwanderung der jungen Leute, die Städten wie Görlitz, Halberstadt und Zittau zu schaffen macht. Nach der Wende wurden die Häuser vor allem um die im Mittelalter angelegten Märkte herum, aufwendig und oft nach Denkmalschutzrichtlinien renoviert. Man geht durch die Altstädte von Görlitz, Greifswald oder Altenburg wie durch ein Museum, wunderschöne Städte, in denen ein Bürgertum sich an dem aufwendigen Schmuck der Fassaden manifestierte, aber abends gehen nirgendwo die Lichter an. Das Bürgertum gibt es nicht mehr. Oft hat im unrenovierten, verfallenen, tristen Zustand noch jemand hinter den Fenstern gewohnt, heute aber stehen die Häuser leer, weil niemand da ist, der in die Wohnungen einziehen will. Weil sie zu teuer sind, für die Einheimischen, die in ihrem Heimatort kein Auskommen mehr haben und von staatlicher Unterstützung leben. Weil es eine zähe Zuneigung zu Plattenbauwohnungen gibt und zu Einfamilienhäusern am Stadtrand. Weil die Kinder längst in Stuttgart oder Hamburg sind.
Weil es für Fremde keinen Grund gibt, hierherzuziehen. Am traurigsten sind nach der Wende sanierte, aber nun wieder leere Häuser. Es gab diese Kraft des Neuanfangs, eine Hoffnung auf Dauer und Zukunft, aber es war vergebens. Da ist dieses Doppelfoto von der Bakenstraße in Halberstadt. Der Bombenangriff des 8. April 1945 ließ vom mittelalterlichen Stadtkern kaum etwas übrig. Alexander Kluge hat das in seinem Text Der Luftangriff auf Halberstadt beeindruckend beschrieben. Es blieb ein kleiner unzerstörter Rest mittelalterlicher Bebauung, der trotz extremer Vernachlässigung in den 45 Jahren danach nicht wie viele andere Fachwerkhäuser der Stadt, zusammenfiel, der einfach stehenblieb, krumm und schief und trotzig. Die Balken waren solide, die Ziegel auch. Sie haben die Wende erlebt, aber nicht alle haben sie überstanden. Es war zu spät für zwei der Häuser in der Zeile. Auf dem halb eingerollten Transparent der noch vorhandenen Erdgeschosszone steht: Alles wird gut, Baubeginn noch 1998! Das Bild ist von 2003. Manchmal aber, so zeigt das Beispiel der Dresdner Sebnitzer Straße in der Ausstellung, ist eine Baulücke immer noch besser als diese gesichtslose Investorenarchitektur, die ein Ensemble gründlich zerstören kann. Aber vielleicht braucht es jetzt einfach Geduld. Vielleicht wird ja Stefan Koppelkamm in zehn Jahren noch einmal losgehen. Und vielleicht gibt es dann Zugezogene aus fremden Ländern, die sich der alten Häuser angenommen haben. Vielleicht kehren auch ein paar Junge zurück. Vielleicht.

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